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Warum es sich NICHT lohnt mit freien Texter*innen zusammenzuarbeiten.

09. Dezember 2021

Das Telefon klingelte: „Hallo Frau Huet. Ich melde mich bezüglich Ihrer E-Mail an uns. Ja, wir sind auf der Suche nach Texter*innen. Daher sind wir auch grundsätzlich an einer Zusammenarbeit interessiert. Doch möchte ich ehrlich zu Ihnen sein. Unsere bisherigen Erfahrungen mit Freelancer*innen waren nicht sonderlich gut. Die Arbeitsmoral lässt in der Regel sehr zu wünschen übrig, das taugt uns nicht. Deshalb meine Frage: ‚Haben Sie Interesse an einer Festanstellung?

Sag mir, was du denkst.

Für einen kurzen Moment war ich wie vor den Kopf gestoßen. Einerseits machte der Kunde keinen Hehl daraus, was er von der Zusammenarbeit mit freien Texter*innen, wie mir, hielt. Andererseits winkte er mit einer Festanstellung, was von Interesse zeugte. Sollte ich mich geschmeichelt fühlen oder als verschmähte Texterin das Telefonat schnellstmöglich beenden? Eine Festanstellung kam für mich nicht infrage. Den Kunden vom Gegenteil zu überzeugen, indem ich ihm meine zuverlässige Arbeitsweise anpries, erschien mir ebenfalls als wenig zielführend. Da der Bedarf nach Texter*innen jedoch vorhanden war, wollte ich nicht kampflos aufgeben. Also entschied ich mich, auf seine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Freelancer*innen einzugehen. Denn: Er war nicht der erste Kunde, der sich über eine mangelnde Arbeitsmoral von freien Texter*innen beschwerte. Vielleicht, so mein Gedanke, konnte ich die Problempunkte als wertvollen Input mitnehmen, um in Zukunft Bedenken solcher Art bei anderen Kund*innen frühzeitig aus dem Weg zu räumen. Deshalb meine Frage: „Was genau stört Sie an einer Zusammenarbeit mit Freelancer*innen?“

1. Das Briefing, der heilige Gral.

Stupide nach Briefing arbeiten? Für viele Texter*innen ist das selbstverständlich. Der Text wird exakt auf Basis dieser Informationen verfasst, ohne über den Tellerrand zu schauen. Die Antworten im Briefing sind Gesetz und nachträgliche Änderungen werden ungern berücksichtigt. Auch setzen sie sich zu wenig mit dem Thema (und dem Kunden) auseinander, weshalb der Text oftmals nur an der Oberfläche kratzt. Sind Korrekturen erwünscht, dauert es seine Zeit, bis diese umgesetzt werden. Und selbst dann ist das Ergebnis selten zufriedenstellend.

2. Auf Abruf wäre schön.

Freie Texter*innen sind meist nur begrenzt verfügbar. Je nach Auftragslage sind die Wartezeiten lang und die Absprachen schwierig. Kommt es zu einer Zusammenarbeit und das Projekt gestaltet sich umfangreicher als gedacht, hört die Arbeit mit Verfassen des Textes auf. Mehr Flexibilität wäre wünschenswert – schließlich ist das einer der Gründe, warum man sich für Freelancer*innen entscheidet.

3. Texter*innen als Teil des Teams.

Ein Projekt ist nur so gut, wie sein Team. Dazu gehören eine enge Absprache und das Übertragen von Verantwortung. Viele Kund*innen bevorzugen ein Team, mit Texter*innen als festen Bestandteil. Sie werden aktiv in den Prozess einbezogen und dazu animiert, mitzudenken. Hier fehlt es oftmals an Bereitschaft und vielleicht auch an Zeit, sich in das Projekt richtig einzuarbeiten.

4. Ich arbeite nach meiner Uhr.

Deadlines fristgerecht einzuhalten, zeugt von Zuverlässigkeit und Professionalität. Das scheint jedoch keine Selbstverständlichkeit zu sein. Viele freie Texter*innen arbeiten nach ihrer Uhr, nicht aber nach der des Kunden. Sollte bereits bei Auftragsannahme klar sein, dass die Deadline nicht einzuhalten ist, wäre es besser, offen zu kommunizieren und den Auftrag gegebenenfalls abzulehnen. Das erspart beiden Parteien Zeit und Stress.

Ausnahmen sind nicht die Regel.

Mein Kopf brummte. Viele Informationen, über die ich in Ruhe nachdenken musste. Mein Fazit: Ja, daran ist durchaus etwas dran. Freelancer*innen haben oftmals mit einem negativen Image zu kämpfen. Doch alle über einen Kamm zu scheren, finde ich nicht richtig. Natürlich gibt es diejenigen, die unzuverlässig arbeiten und den schlechten Ruf von Freelancer*innen zusätzlich befeuern. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um Personen, für die eine selbständige Arbeitsweise möglicherweise nicht das richtige ist oder, die auch als Mitarbeiter*innen eine ähnliche Haltung an den Tag legen. Allerdings verhält es sich auf Kundenseite nicht anders: Es gibt die wertschätzenden Kund*innen, mit denen die Zusammenarbeit reibungslos verläuft und solche, die Freelancer*innen gerne als ihre Angestellten betrachten, nicht aber als eigenständige Unternehmer*innen. Das Verständnis für deren Vorgehensweise fehlt, ein Briefing besteht nur aus lästigen Fragen und bestenfalls wird die Arbeit schon gestern, statt morgen erledigt. Ich nahm das Gespräch zum Anlass, mir Gedanken über eine  Lösung zu machen, die für alle Beteiligten fair ist. Beispielsweise könnte man gemeinsam ein Arbeitsmodell gestalten – eine fix vereinbarte Stundenzahl pro Woche / Monat, in der man zum Austausch zur Verfügung steht und in den Prozess aktiv einbezogen wird. In jedem Fall ist es ratsam, die Bedürfnisse von vornherein offen miteinander zu kommunizieren und klare Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn das gelingt, kann eine wertvolle Zusammenarbeit entstehen, die beiden Parteien einen echten Mehrwert bietet.