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Die Selbständigkeit. Eine Achterbahn der Gefühle.

02. September 2021

Gerade am Anfang meiner Selbständigkeit war der Reiz besonders groß, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Nach dem Motto: „Raus aus dem 9-to-5-Job, rein in ein selbstbestimmtes Berufsleben“. Doch mit der Selbständigkeit kamen auch die Selbstzweifel: War es die richtige Entscheidung den Job zu kündigen? Was ist, wenn ich scheitere? Wie unterscheide ich mich von anderen in meiner Branche? Wo fange ich an? Hinzukam ein soziales Umfeld mit unterschiedlichen Ansichten und “gut gemeinten Ratschlägen“. Es hieß also: Arschbacken zusammenkneifen und Durchhaltevermögen beweisen. Schließlich habe ich mir diesen Weg selbst ausgesucht, oder nicht?

Eine steile Karriere?

In meinem Fall, wohl eher nicht. Blicke ich auf mein bisheriges Berufsleben zurück, würde ich es eindeutig in die Kategorie “die klassische Laufbahn eines Texters“ einordnen. Wie viele andere stand auch ich nach dem Abitur vor der Frage: „Und jetzt?“ Zahlen waren nicht mein Ding, Sprachen schon eher. Reisen wäre cool gewesen, doch irgendwie traute ich mich noch nicht. Also einfach mal mit einem Studium beginnen.

Meine Wahl fiel auf Romanistik, irgendwas mit Sprachen halt. Doch auch diese Zeit war nicht von wachsendem Selbstbewusstsein gekrönt. Bereits nach dem 2.Semester halbierte sich der Studiengang und nur noch wenige blieben übrig. Schließlich wurde uns regelmäßig vor Augen geführt, das mit diesem Abschluss kaum ein Unternehmen ernsthaftes Interesse an uns hätte. In meiner Sorge, irgendwann mittellos zu enden, entschied ich mich für etwas mehr gesellschaftliche Anerkennung, kurz VWL im Nebenfach.

Als es an der Zeit war, die eigene Haushaltskasse aufzupolieren, suchte ich mir einen Werkstudentenjob. Fündig wurde ich in einer Werbeagentur, die auf der Suche nach Texter*innen war. Und tatsächlich: Die Arbeit als Texterin gefiel mir. Ich beendete mein Studium, erhielt dort eine Festanstellung und erlebte in den darauffolgenden Jahren die Höhen und Tiefen einer Werbeagentur mit. Ging es am Anfang noch steil bergauf – schließlich war alles neu und aufregend – ließ das Gefühl von absolutem Stillstand nicht lange auf sich warten. Weder die Aufgaben noch das Gehalt waren vielversprechend und auch persönliche Ziele wie das Reisen und die gelernten Sprachen weiter auszubauen, blieben auf der Strecke. Meine Unzufriedenheit wuchs, mein Selbstbewusstsein lief gegen null, doch eine Frage blieb: “Selbständig sein, warum eigentlich nicht?“

Selbständig sein, warum eigentlich nicht?!

Anfang 2018 traf ich schließlich die Entscheidung meinen Job zu kündigen, durch Frankreich zu reisen (ein lang ersehnter Traum) und remote als freiberufliche Texterin durchzustarten. Was hatte ich schon zu verlieren? Sollte sich die Selbständigkeit als “Fehler“ oder “nicht mein Ding“ herausstellen, konnte ich jederzeit in eine Festanstellung zurückgehen.

Meiner Meinung nach ist das ein wichtiger Punkt, den sich jeder bei solch einer Entscheidung bewusst machen sollte. Natürlich spielen die finanziellen Mittel eine große Rolle und nicht jeder ist für die Selbständigkeit gemacht. Doch in den meisten Fällen gibt es immer eine Lösung, auch in finanzieller Hinsicht. Hier spreche ich aus Erfahrung. Schließlich war nach der Reise von meinem Geld nicht mehr viel übrig und bei meinem Freund, der seinen Job ebenfalls gekündigt hatte, sah es nicht besser aus.

Ich hatte keine Kunden, keine Website und meine Referenzen waren alles andere als vorzeigbar. Es führte kein Weg daran vorbei: Ich musste von ganz unten anfangen. Und ja, auch wenn mit meinem Wissen von heute, so einiges gegen Texterbörsen & Co spricht, half es mir anfangs mich über Wasser zu halten. Und, was noch viel wichtiger war: Referenzen aufzubauen.

Alles easy peasy, oder was?

Die Selbständigkeit ist viel, aber sicher nicht “easy peasy“. Natürlich war mir von vornherein klar, dass es nicht einfach werden würde. Ohne Disziplin und Durchhaltevermögen, kein Erfolg! Doch es am eigenen Leib zu erfahren, ist etwas völlig anderes. War mein Selbstbewusstsein schon vor meiner Selbständigkeit quasi nicht vorhanden, ging es jetzt ans Eingemachte. Die ersten Kunden klopften an und voller Freude haute ich in die Tasten. Mein Stundensatz? Je nach Kunde variierte dieser zwischen 25 und 30 Euro. Ganz nach dem Motto: „Lieber nicht zu hochstapeln und klein anfangen.“ Obwohl man als Selbständiger mit einem Stundensatz in dieser Höhe auf Dauer nicht überleben kann, gab es genügend Kunden, die dennoch den Preis drückten. Heute weiß ich, dass es die falschen Kunden waren. Doch damals fühlte es sich jedes Mal aufs Neue wie eine Niederlage an. Jedes positive Feedback saugte ich förmlich auf, jedes negative katapultierte mich wieder an den Anfang zurück. Blieb die Rückmeldung gänzlich aus, stieg meine innere Unsicherheit: Vielleicht war ich einfach nicht gut genug?

Neben der Kundenakquise rückten weitere Themen wie Steuern, Buchhaltung, Versicherung und die Strukturierung meines Arbeitsalltags in den Vordergrund. Alles Dinge, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Sein eigener Chef zu sein bekam plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Gleichzeitig spürte ich, das selbständig sein auch viel mit Selbstvertrauen und Selbstdisziplin zu tun hat.

Ebenso spielte das soziale Umfeld eine große Rolle. Einerseits sprach es mir gut zu, andererseits appellierte es an meine Vernunft. “Wenn es dir damit nicht gut geht, such dir wieder einen festen Job. Bist du dir sicher, dass es das Richtige ist?“ Dabei schwang manchmal die unterschwellige Botschaft mit: “Du hast es dir selbst ausgesucht!“ Das Problem dabei ist: Sie hatten recht! Niemand zwang mich zu dieser Entscheidung. Ich konnte jederzeit in eine Festanstellung zurück und gut ist. Doch was, wenn ich das überhaupt nicht wollte? Während es für die einen sicher ein Ansporn gewesen wäre weiterzumachen, erlebte ich ein ständiges Wechselbad der Gefühle: Unsicherheit in Bezug auf meine eigenen Fähigkeiten. Ehrgeiz es mir selbst und allen anderen zu beweisen. Freude an meiner neu gewonnenen Freiheit.

Selbständig sein, ja oder nein?

Heute würde ich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Natürlich hat man keinen Einfluss darauf, wie sich Dinge im Leben verändern und vielleicht schlage ich irgendwann wieder einen anderen Weg ein. Doch war es für mich die richtige Entscheidung. Trotz aller Höhen und Tiefen lernte ich in den drei Jahren meiner Selbständigkeit bereits mehr über mich und meine Fähigkeiten als in den Jahren zuvor. Ich fand für mich heraus, welche Schwerpunkte mir beim Texten Spaß machen und in welchen Bereichen ich meinen Kunden einen Mehrwert bieten kann. Auch weiß ich nun, dass hohe Stundensätze nichts mit “zu hochstapeln“ zu tun haben. Im Gegenteil! Vielmehr sollte gute Arbeit auch fair bezahlt werden. Nicht zu vergessen: Selbständig sein hat auch Vorteile: Die neu gewonnene Freiheit, den Arbeitstag frei zu gestalten, niemanden Rechenschaft schuldig zu sein und das Gefühl sich selbst zu verwirklichen.