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Arbeiten und reisen: „Gönn dir!“

26. Oktober 2021

Ich bin keine digitale Nomadin. Zumindest nicht im klassischen Sinne. Ich lebe in einer 2-Zimmer-Wohnung in Stuttgart, arbeite überwiegend von zuhause aus und hin und wieder auch in einem Café. Ja, manchmal fällt mir die Decke auf den Kopf und dann ist das Fernweh besonders groß. Sind Zeit und Geld vorhanden, packe ich meinen Rucksack und gönne mir einen Langzeiturlaub. Einfach, weil ich es kann.

Das Gute an rosaroten Brillen?

In der Regel trägt man sie nicht besonders lang. Als mein Partner und ich uns vor drei Jahren selbständig machten, war der Reiz arbeiten mit reisen zu verbinden, besonders groß. Bilder von Menschen, die mit dem Laptop am Strand arbeiten und dabei furchtbar entspannt wirken, beflügelten unsere Phantasie. Reisen, nebenher ein Business aufbauen und das Leben genießen: Ja, das entsprach ganz unserem Geschmack! Auch wenn sich die Reiselust bis heute nicht geändert hat, kam schnell ein weiterer, entscheidender Faktor hinzu: die Realität. Mit dem Laptop am Strand sitzen? Ziemlich geil, keine Frage! Zumindest fünf Minuten lang. Dann blendet die Sonne, Schweißperlen laufen die Stirn hinab und der Lüfter des Laptops läuft heiß. Mein Kopf glüht (trotz Mütze) und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Und selbst der langersehnte Windhauch sorgt nicht nur für Abkühlung, sondern auch für jede Menge Sand in der Tastatur. Doch am Ende des Tages stellt nicht der Arbeitsplatz das größte Problem dar, sondern schlicht und einfach: die Disziplin.

Es fühlt sich nach vielem, aber nicht nach Urlaub an.

Reisen und arbeiten: Für viele Leute klingt das nach einem entspannten Langzeiturlaub. Natürlich ist es schön unterwegs zu sein, das Meer in unmittelbarer Nähe zu spüren und in neue Kulturen einzutauchen. Nichtsdestotrotz muss Geld verdient werden – auf Reisen kann das ziemlich anstrengend sein. Der Drang etwas zu erleben ist allgegenwärtig, sodass die Motivation im Nu flöten geht. Was zuhause wunderbar funktioniert, wird plötzlich zur wahren Herausforderung. Je mehr man zu tun hat, desto stärker wird das Gefühl hin- und hergerissen zu sein. Die Gedanken kreisen um die Arbeit und Kundenmeetings müssen entsprechend der Zeitverschiebung (manchmal auch nachts) angepasst werden. Das Wichtigste aber ist: Internet. Wer sich abseits von Metropolen und irgendwelchen Co-Working-Hochburgen aufhält, hat schnell ein ernsthaftes Problem. Denn ohne, läuft nichts. Ruhe und Entspannung haben sich längst verabschiedet und die Reise fühlt sich nach vielem, aber nicht nach Urlaub an.

Der Mensch ist ein Rudeltier.

Und da bilde ich keine Ausnahme. Bisher besteht mein Rudel aus genau zwei Personen: meinem Partner und mir. Auch wenn wir gerne im Home-Office arbeiten, kommt manchmal ein Gefühl von Einsamkeit auf. Soziale Kontakte am Arbeitsplatz, der persönliche Austausch mit Gleichgesinnten, das Teilen gemeinsamer Erfahrungen – Dinge, die auch in der Selbständigkeit eine wichtige Rolle spielen. Ein digitales Netzwerk aufzubauen ist in jedem Fall empfehlenswert… und dennoch. Sich außerhalb der digitalen Welt auf ein Bier oder ein Glas Wein zu treffen, bedeutet: Sich auf einer anderen Ebene zu begegnen. Es entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit. Etwas, das in der Natur des Menschen liegt und durchs Reisen noch verstärkt wird. Denn: Reisen verbindet. Ob im Co-Working oder bei einer gemeinsamen Aktivität, man lernt unglaublich schnell neue Leute kennen. Von manchen hört man nie wieder, mit anderen entwickelt sich eine echte Freundschaft.

Selbe Arbeit, anderer Ort.

Reisen und arbeiten miteinander zu verbinden, hat durchaus seinen Reiz. Mit ein bisschen Planung kann es sogar richtig Spaß machen. Meiner Meinung nach empfiehlt es sich, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Auf diese Weise lässt sich eine gute Work-Life-Balance herstellen. Wer von Land zu Land hetzt, gerät schnell unter Druck, allem gerecht werden zu müssen. Schließlich bleibt die Arbeit dieselbe, nur an einem anderen Ort. Die Verantwortung nimmt durchs Reisen nicht automatisch ab. Eine wichtige Erkenntnis, der sich jeder von Vornherein bewusst sein sollte. Stattdessen gilt es, beides unter einen Hut zu bekommen. Wem das gelingt, dem steht ein “Langzeiturlaub“ nichts mehr im Wege. 😉